Es ist der 23.02. 2020 und ich sitze nach den letzten eineinhalb sehr chaotischen Tagen in einem typisch peruanischen Wohnzimmer. Alles ist total kitschig und überall hängen Abbildungen von Jesus im goldenen Gewand.

Der Kurztrip nach Cajamarca mit Jonas, um dort das berühmte Carneval zu erleben, stellt sich als wahres Abendteuer heraus. Von Anfang an beginnt der Trip sehr chaotisch. Mit nur 15 min Verspätung kommen wir in Trujillo am Treffpunkt an. Natürlich ist David der Organisator noch gar nicht anwesend. Als unser Fahrer später endlich kommt, fällt uns auf, dass auch unsere Organisation zu wünschen übrig lässt. Aufgrund von mangelnder Kommunikation dachten wir, dass wir die zwei Nächte in einem Van schlafen und haben daher nicht genug Geld für ein Hostel mitgenommen. Da wir unsere Mitreisenden Peruaner nicht wirklich kannten, wollten wir auch niemanden nach Geld fragen. Das wäre hier in Peru nämlich äußerst unhöflich gewesen. Unter dem Vorwand, dass wir wichtige Tabletten vergessen haben, bringen wir den Fahrer dazu noch einmal nach Huanchaco zu uns nach Hause zu fahren. Jonas und ich hatten schon ein sehr schlechtes Gewissen, aufgrund der Verspätung die wir dadurch verursacht haben. Aber darüber ärgert sich dann doch keiner. Stattdessen gehen wir in Huanchaco noch ganz entspannt etwas essen. Hier hetzt sich mal wieder keiner. Typisch Peru! Ca. drei Stunden später als geplant geht es dann endlich los. Zu viert gequetscht auf der Rücksitzbank fahren wir sieben Stunden Überland bis nach Cajamarca. Geschlafen haben wir aufgrund von Platzmangel und aufgrund der kurvigen Straßen die Anden hoch gar nicht. Um fünf Uhr morgens kommen wir endlich an. Der Plan ist noch an diesem frühen Morgen ein Hostel für die nächsten zwei Nächte zu finden. Was wir nicht wissen, dort zu Carneval spontan ein freies Zimmer zu finden ist unmöglich! Wie Maria und Joseph irren wir zwei Stunden im Dunklen durch die Stadt und finden kein einziges freies Zimmer mehr. Unser großes Glück ist, dass eine der mitreisenden Peruanerinnen (Corali), eine Tante in Cajamarca hat, die uns sehr liebevoll aufnimmt, uns mit Decken und Kissen versorgt und uns die restliche Nacht und auch die Darauffolgende bei sich schlafen lässt. In dieser Nacht habe ich zu schätzen gelernt ein Dach über dem Kopf und warmes Bett zum schlafen zu haben! Ich hatte in dieser Nacht wirklich Angst, ich muss, im zu dieser Zeit kalten Cajamarca, draußen auf einer Parkbank schlafen. Abgesehen davon, dass es sehr gefährlich gewesen wäre. An diesem Morgen könne wir also noch zweieinhalb Stunden schlafen. Das ist natürlich viel zu wenig aber genug um den kommenden Tag zu überstehen. Am Morgen bekommen wir ein typisches Frühstück mit Pan (Brot), Manjar Blanco (eine Zucker-Sahnecreme) einer Art Käse und Avena (ein Harfergetränk). Zusammen mit der ganzen Familie, inklusive den zwei kleinen Jungs sitzen wir am Tisch. Nach dem Frühstück gehe ich mit Jonas, Caroli und ihren Freunden Wandfarbe besorgen um im Treiben auf der Straße mitzuwirken. Die Tradition zu Carneval in dieser Stadt ist nämlich, alles was sich auf und an der Straße befindet mit Farbe oder Wasser zu bespritzen. Egal ob Mensch, Auto oder Hauswand. Es gibt keine Regeln und Ausnahmen. Wer seine Kleidung nicht voll mit Farbe haben möchte, geht an diesem Tag besser nicht vor die Haustür. Die Stimmung ist einzigartig ausgelassen. Die Leute singen, tanzen und trinken. In diesen Tagen verdoppelt sich die Einwohnerzahl der Stadt. Die Straßen sind voll mit Menschen, wortwörtlich ein buntes Treiben. Innerhalb weniger Minuten sind wir schon überall mit bunter Farbe beschmiert. Nirgends ist man sicher und nie weiß man aus welcher Ecke die nächste Wasserbombe oder der nächste Farbeimer angeflogen kommt.

Nachdem wir einige Zeit spazieren, kommen wir zu einem großen Festplatz. Ebenfalls voll mit Menschen. Dort muss ich leider eine sehr unschöne Seite des Trubels kennen lernen. In der Menschenmenge wird mir nämlich tatsächlich mein Handy geklaut. Ich hatte es in meiner verschlossen Jackentasche und habe auch immer wieder kontrolliert ob es noch da ist. Doch als plötzlich eine Gruppe von Männern auf mich zukommt und mir Farbe ins Gesicht schmiert, bin ich für einen kurzen Moment unaufmerksam. Es ist mir auf jeden Fall eine Lehre. Das nächste mal überlege ich mir, ob ich mein Handy auf solche Veranstaltungen mitnehme. Trotz alldem will ich mir diesen Tag nicht vermiesen lassen. Durch Zufall treffen wir auf eine Arbeitskollegin von Santo Toribio ( der Schule für Beeinträchtigte Kinder, in der ich arbeite). Zusammen mit ihr und ihrer ganzen Familie tanzen wir nochmal ausgelassen, werfen Wasserbomben und trinken Bier. Die Tradition ist es, dass jeder etwas Bier in das Glas geschenkt bekommt und dann alles gleich austrinken muss. Danach wird die Bierflasche und das Glas weitergegeben. Das ist überall in Peru so üblich. Am späten Nachmittag entscheide ich mich noch dazu wegen dem Handy eine Anzeige gegen Unbekannt bei der Polizei aufzugeben. Dabei sitzen wir allerdings einige Stunden komplett nass und voll mit Farbe in der Polizeiwache („Comisaria“). Die Erkältung der kommenden Tage ist zu diesem Zeitpunkt also schon garantiert!
Als wir abends endlich nach Hause kommen, habe ich nur noch ein Ziel: Meinen Körper und vor allem meine Haare von haufenweise bunter Wandfarbe zu befreien. Wie man sich vorstellen kann, ein durchaus schwierige Angelegenheit. Auch eine Woche später finde ich zu Hause immer wieder noch Farbreste in meinen Haaren:D

In der zweiten Nacht bekomme ich zumindest fünf Stunden Schlaf. Am Morgen gehen wir zum Plaza de Armas (großer Platz inmitten der Stadt) um dort den Festzug mit traditionellen Kostümen und Trachten zu sehen. Erneut ein sehr schöner farbenprächtiger Anblick. Um später aus dem ganzen Trubel herauszukommen legen wir uns auf die Wiese des Plazas, um ein kleines Nickerchen zu machen. Denn die Sonne scheint zur Mittagszeit ziemlich stark. Normalerweise ist das in verboten, doch an diesen Tagen wird einmal im Jahr eine Ausnahme gemacht. An der Seite eines unglaublich süßen Straßenhundes, schlafe ich aufgrund des akuten Schlafmangels auch sofort ein. Zum Schluss essen wir noch ein traditionelles Menü mit Ceviche (roher Fisch in Limettensaft eingelegt) und machen uns anschließend auf den Heimweg. Womit wir nicht rechnen, dass plötzlich der Fahrer des zweiten Vans ausfällt und wir zwei Stunden vergeblich nach einem Ersatzfahrer suchen. Die Stimmung ist im Keller, alle wollen einfach nur nach Hause und es ist keine Lösung in Aussicht und wir rechen schon damit, an diesem Tag gar nicht mehr nach Hause fahren zu können. Als Coralis Tante kurz vor knapp uns dann doch noch einen Fahrer organisiert atmen wir alle sehr erleichtert auf. Schon das zweite mal, dass uns diese Frau aus der Patsche hilft! Alle sind müde und erschöpft von den letzten 30 Stunden und freuen sich endlich nach Hause fahren zu können. Doch das Pech verfolgt mich in dieser Reise bis zum Ende. Für die Fahrt will ich mir in der nächsten Tienda (Kleiner Tante Emma-Laden) noch etwas zu Essen besorgen. Um die Straße zu überqueren warte ich am Straßenrand. Nur wenige Sekunden später bin ich wieder klatsch nass von Kopf bis Fuß. Nichts ist mehr trocken. Um die Straße zu überqueren warte ich nämlich für einen Moment am Straßenrand, als plötzlich ein Lader mit einer Gruppe von Jugendlichen auf der Ladefläche mit ca. 40 km/h an mir vorbei fährt und mir genau im richtigen Moment einen ganzen Eimer Wasser überschüttet. Mit einem gemischten Gefühl aus Verzweiflung und Fassungslosigkeit kann ich nur noch anfangen zu lachen. „Soy Piña“ (Ich bin Ananas). Das ist das Sprichwort, dass ich auf dieser Reise gut kennengelernt habe weil es in dieser Reise tatsächlich immer wieder auf mich zugetroffen hat.
Trotz alldem bereue ich diese Reise keines Wegs. Ich sehe sie als aufregendes Abenteuer, von dem ich noch lange erzählen kann. Besonders die Momente mit all den liebevollen und fürsorglichen Menschen wie der Tante von Corali bleiben mir in Erinnerung und machen alle Pech Momente winzig klein. Die ganze Reise stellt sich also mal wieder als unvergessliches und aufregendes Erlebnis heraus.





























